Kaum ein Thema sorgt international für so viel Erstaunen wie die deutsche Autobahn: Für Pkw gilt hier kein generelles Tempolimit. Doch „kein Limit" bedeutet nicht „keine Regeln" — dahinter steht ein System aus Richtgeschwindigkeit, streckenbezogenen Limits und Überwachungstechnik, das Tempo, Verkehrsfluss und Sicherheit miteinander in Einklang bringen soll.

Die Grundlimits im Überblick

Den Ausgangspunkt bildet ein einfaches Grundgerüst, das gilt, sofern nicht anders beschildert:

Die 130 sind dabei ausdrücklich eine Richtgeschwindigkeit und kein Tempolimit: Ein Verstoß gegen sie ist keine Ordnungswidrigkeit. Wer schneller fährt, riskiert allerdings andere Konsequenzen — kommt es zum Unfall, kann ein Tempo deutlich über der Richtgeschwindigkeit haftungsrechtlich zulasten des schnelleren Fahrers ausgelegt werden, selbst wenn kein Tempolimit überschritten wurde.

Streckenbezogene Limits: die Regel im Alltag

In der Praxis gilt auf einem erheblichen Teil des Autobahnnetzes trotzdem ein festes Tempolimit — dauerhaft an unübersichtlichen Streckenabschnitten, Kurven, Anschlussstellen oder aus Lärmschutzgründen, zeitweise über Schilderbrücken mit variablen Anzeigen. Diese passen das zulässige Tempo situativ an Baustellen, Unfälle, Witterung oder die aktuelle Verkehrsdichte an. Für Fahrerinnen und Fahrer heißt das: Das gerade gültige Tempo ist nicht automatisch mit der allgemeinen Richtgeschwindigkeit identisch — ein Blick auf die Beschilderung lohnt sich auch auf vertrauten Strecken.

Section Control: Kontrolle über die Distanz

Anders als die punktuelle Radarmessung erfasst die sogenannte Section Control die Durchschnittsgeschwindigkeit über einen längeren Streckenabschnitt. In Deutschland befindet sich dieses Verfahren noch im Aufbau: Erste Anlagen wurden auf ausgewählten Bundesstraßen erprobt, punktuelle Geschwindigkeitsmessungen bleiben aber vorerst die Regel. Der Grundgedanke ist überall derselbe: Weil sich abruptes Abbremsen kurz vor einem einzelnen Messpunkt nicht mehr lohnt, fahren Fahrzeuge über den gesamten Abschnitt gleichmäßiger — ein Gewinn für den Verkehrsfluss, nicht nur für die Kontrolle.

Sicherheit entsteht nicht aus der Höchstgeschwindigkeit, sondern aus gleichmäßigem Fluss.
130
Die Richtgeschwindigkeit 130 km/h als stilisiertes Hinweisschild.

Rettungsgasse und Reißverschluss

Zwei weitere Prinzipien prägen den Alltag auf der Autobahn. Sobald der Verkehr stockt oder ein Stau entsteht, ist zwischen dem äußersten linken Fahrstreifen und den übrigen Fahrstreifen eine Rettungsgasse zu bilden, durch die Einsatzfahrzeuge ungehindert vorankommen — verpflichtend nach § 11 Abs. 2 StVO, und zwar sobald der Verkehr ins Stocken gerät, nicht erst beim Herannahen von Blaulicht. Beim Reißverschlussverfahren wiederum, etwa vor einer Baustelle, wechseln sich Fahrzeuge erst unmittelbar an der Engstelle ab, statt sich weit im Voraus einzuordnen — das hält den Verkehr flüssiger, weil beide Fahrstreifen bis zuletzt gleichmäßig genutzt werden.

Was Richtgeschwindigkeit, streckenbezogene Limits, Section Control, Rettungsgasse und Reißverschluss verbindet, ist derselbe Grundgedanke: Nicht die höchstmögliche Geschwindigkeit macht eine Autobahn sicher, sondern ein gleichmäßiger, vorhersehbarer Verkehrsfluss in Kombination mit ausreichendem Abstand.

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